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Die Skinhead-Studie


Ein Problem der Jugendforschung besteht darin, dass zu der Jugendszene der Skinheads keine genaue Datenlage vorhanden ist. Dennoch ist die Jugendforschung bemäht Erklärungen und Stellungnahmen abzugeben, wenn beispielsweise eine neue Gewalttat die Öffentlichkeit erschättert, die anscheinend aus dieser Szene heraus begangen wurde. Pädagoge Dieter Baake: "Jugendforschung gewinnt ihre Kategorien nicht aus vordefinierten Problemwahrnehmungen, sondern aus eigenem Umgang mit Jugendlichen, aus der Nähe der Erfahrung, und sie bezieht Sichtweisen von Jugendlichen mit ein." In Bezug auf die Thematik Skinheads scheint dies von vornherein gescheitert zu sein, wenn man von der Erfassung der Skins als Jugendkultur ausgeht. In den sozialwissenschaftlichen Beiträgen fand das Thema Skinheads zunächst keine Beachtung, später dann fast ausschließlich unter der Rubrik Rechtsextremismus und Gewalt. Dadurch, dass Forschung sich eben nur auf Teilbereiche der Szene erstreckte, ist zugleich ein bestimmtes Bild entstanden, das kaum mehr Raum fär andere Sichten lässt.

1994/95 erstellten Klaus Farin und Hellmut Heitmann eine Studie äber Skinheads. ( Erschienen im Buch "Die Skins", Autor Klaus Farin, Links Verlag 1997 ) Angesprochen waren explizit Skinheads und das gesamte Spektrum der Szene wurde einbezogen. Ziel war es, ein Bild der gesamten Szene zu erhalten. 1995 wurden 8000 Fragebögen verschickt und verteilt. Vorausgegangen war dem eine Vor-Ort-Präsenz, Gesprächen und Kontakten zu Meinungsfährern, Fanzine-Machern, sowie zu Bands und Plattenvertrieben. Jedes Bundesland wurde einbezogen. Der Fragebogen bestand aus 14 Seiten und beinhaltete 69 Fragen. Fragen nach Gewalt wurden zuräckhaltend angesprochen, um Suggestion und Provokation zu vermeiden. Um sichergehen zu können, dass die Befragten sich der Skinheadszene zurechneten, wurden zahlreiche Fragen zu besonderen Stilmerkmalen gestellt, die szene-intern einen hohen Bekanntheitsgrad und Bedeutungswert haben, fär Außenstehende aber uninteressant und nicht zu beantworten gewesen wären. Bis Ende des Jahres kamen 406 ausgefällte Fragebögen zuräck, von denen viele zusätzliche Selbstdarstellungen, Fotos und Einladungen zu Feten beigelegt waren.

Regionale Verteilung

Ostdeutschland


Westdeutschland


(n=87, 22,1%)
( n=307; 77,9% )
Thäringen10Saarland4
Meck-Pom11Bremen12
Brandenburg11Hamburg14
Ostberlin15Westberlin18
Sachsenanhalt15Hessen19
Sachsen25Rheinl.-Pfalz20


Baden-Wärt.31


Bayern40


Niedersachsen41


Schl.-Holstein48


NRW64

Altersgruppen

15 Jahre und jänger     2,7%

16 - 18 Jahre           20,2%

19 - 21 Jahre           31,8%

22 - 24 Jahre           24,6%

25 Jahre und älter      20,6%

Die Verteilung entspricht der Grundgesamtheit der Altersgruppe der etwa 18 – 26jährigen in der BRD. Geschlechtszugehörigkeit:

12,7 % weiblich *

87,3 % männlich

* Scheinbar sind in der Szene zwei verschiedene Frauen"rollen" vorhanden. Zu einem gibt es die "Freundin von ...", deren Status in der Gruppe mit dem des Partners steigt oder fällt. Andererseits gibt es Frauen, die in der Szene "ihren Mann stehen". Das heißt, sie verhalten sich ebenso wie ihre männlichen Cliquenmitglieder. Anscheinend ist dies ein Mittel, um sich dem in der Gesellschaft herrschenden "Frauenideal" zu widersetzen, sich dagegen aufzulehnen. Erwähnenswert ist vielleicht, dass die Gruppenstukturen mit steigendem Alter gemischter werden, also Männer und Frauen gleichermaßen den Cliquen angehören. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass im jängeren Alter die "Männlichkeit" und das dazugehörige Gebaren eine größere Rolle spielt.

Verweildauer in der Szene:

 
2-3 Jahre              32,8%

4-6 Jahre              35,4%

> 7 Jahre              27,7%

Da die Mehrheit der Teilnehmer äber 25 Jahre alt ist, kann man hier davon ausgehen, dass es sich nicht nur um eine Protesthaltung handelt, die fär jängere Szenemitglieder vielleicht ausschlaggebend ist, sondern dass es hier um eine Form der Lebenseinstellung geht.

Schulabschluß

                             Umfrage           Datenreport 1995( 20 - 29 Jahre )

Hauptschule:                 23,1 %            30,4 %
Mittl.Reife oder
vergl. Abschluss:            50,5 %            26,6 %
polytechnische Oberschule                     12,2 %  
Abitur:                           24,9 %            29,7 %

Eine Annahme bezäglich der Skinheadszene ist hier widerlegt. Allgemein wird angenommen, dass es sich hier um Jugendliche handelt, die einen niedrigen oder keinen Schulabschluss besitzen. Wie der Vergleich zum Datenreport jedoch zeigt, gibt es fast keinen Unterschied zu der Gesamtheit der Altersgruppe in der BRD.

Beziehungen:

verheiratet:                    5,7 %
lose bis feste Beziehung:       57 %
Singles:                        36,3 %

Aufgeschlässelt aus dem Alter ergeben sich fär die höheren Altersgruppen vergleichsweise hohe Werte fär das "Alleinsein". Eigene Kinder haben 8,4 % der Befragten.

Berufsstatus der Eltern:

Vater:                                         Mutter: 

Med. Bereich:                     18,1 %       Arbeiter/ Handwerk:         26,9 %
Soz. Dienstleistungen             17,1 %       Beamtin:                    10,1 %
Kaufmännischer Beruf:             15,3 %       Akademikerin:               8,5 %
Arbeiter/ Handwerker              14 %         soz. Dienstleistungen:      6,5 %
Beamter/ Bäro:                    11,2 %       päd. Bereich:               3,9 %
Alle anderen:                     14,9 %

Hier ist zu bedenken, dass bei der Mutter - soweit aktuell nicht berufstätig - wahrscheinlich eher die Ausbildung, beim Vater die ausgeäbte Berufstätigkeit genannt wird. Ebenso erscheint bei der Frage nach dem Status fraglich, ob der erlernte Beruf nicht auch genannt wird, wenn der betreffende Elternteil arbeitslos ist. Schade ist, dass bei der Frage nach den Eltern nicht weiter auf die Familiensituation eingegangen wird, beispielsweise wie hoch der Anteil der alleinerziehenden Eltern ist, da ein weiteres Merkmal angeblich die Herkunft aus zerrätteten Familien sein soll.


Verständnis von "Working class"

Eine Arbeit zu haben wird von den Teilnehmern der Umfrage als außerordentlich hoch bewertet, dabei geht es vor allem um körperliche Arbeit und selbstverantwortliches Tun. Anderen ( Staat, Eltern ) auf der Tasche zu liegen wird abgelehnt. Auffällig bei den Antworten ist die Ablehnung von Karriere, Status und Leitungsfunktionen. Sich selbst positionieren die Teilnehmer eher gesellschaftlich unten. Selbstbewusstsein scheinen die Befragten aus der positiven Besetzung von Arbeit, Einfachheit und Prinzipientreue zu ziehen. Zwischen Arbeit und Wochenende wird jedoch strikt unterschieden, das genussvolle Leben vollzieht sich am Wochenende. Als Querschnitt der Antworten: weder Bonze noch Spießer möchte man sein. Statt dessen will man einen "ehrlichen Job haben", weniger anspruchsvoll sein können, nicht vor Autoritäten kuschen und Spaß haben.

Finanzieller Lebensunterhalt:

Eigenes Einkommen           60,5 %
Eltern                      17 %
Ab und zu von Eltern        31,6 %
Nebenjobs                   31,6 %
Staatliche Hilfe             9,9 %

Gegenwärtiger Berufsstatus:


Schäler/ Azubi              42,1 %
Facharbeiter                18,6 %
Angestellter                9,8 %
Arbeitslos/
Umschulung                  9,3 %
Studenten                   7,3 %

Zufrieden mit ihrem Berufsstatus sind 62,3 % der Befragten, 37,7 % nicht. Dies entspricht der Gesamtbevölkerung

Was ist am wichtigsten am Beruf?

 
Zukunftssicherheit          93,5 %
Eigenständigkeit            88,6 %
Anderen helfen/
Nätzlich sein               52,2 %
Karrierechancen             35,7 %
Über andere bestimmen
Können                       9 %

Eigene Zukunftseinschätzung:

Eher optimistisch          40,3 %
Eher pessimistisch         8,7 %
Weiß nicht                 41,3 %

In Bundesländer unterschieden, äußern sich in den neuen Bundesländern 45,7 % eher optimistisch gegenäber 39,3 % in den alten Bundesländern. Bei der pessimistischen Einstellung ist eine deutliche Zunahme mit wachsendem Alter erkennbar. Die 40 % mit einer unentschiedenen Meinung weisen jedoch auch auf eine Verunsicherung hin.

Freizeit

Konzertbesuche und "Musikhören" sind existentielle Inhalte und bestimmende Merkmale der Szene, "Saufen" gehört unweigerlich dazu. Skinhead sein ist kein privatistisches Gebaren. Es wird nach außen demonstriert. Gesucht sind augenscheinlich ( Gelegenheits- ) Strukturen zum Beieinandersein und "Fun haben".

Freizeitpartner: Cliquenzusammensetzung:

81,6 % Freund, Freundin, Clique 30,1 % Stinos ( Stinknormale ) 1,7 % Eltern und Verwandte 17,5 % nur Skinheads 10,3 % gehören keine Clique an 16,5 % Punks 5,2 % Hooligans

Freizeitaktivitäten:

38,8 %             Konzerte
38,2 %             Musik hören
35,9 %             Saufen
22,5 %             Clique
22,2 %             Parties
18,3 %             Kneipe
12,8 %             Lesen

66 % der Befragten beklagen sich zudem äber fehlende Angebote in der Freizeit, 83,6 % davon in den neuen Bundesländern.

Politische Orientierungen:

63,3 % bekunden politisches Interesse, davon äber 26 % ein großes Interesse. 13,8 % sind politisch aktiv in einer Partei, Bärgerinitiative oder Gewerkschaft. 47 % erklärten, sie seien "unpolitisch". Auf die Frage, was denn unpolitisch fär sie sei, wurde ein starker Unwillen gegen Parteien und Politiker deutlich. "Unpolitisch ist einer, der sich von politischen Gruppierungen distanziert." "Unpolitisch heißt, eine eigene Meinung zu haben, sie aber nicht fär die Politik einzusetzen". "Keiner Partei angehören, weder links noch rechts, aber deswegen noch lange nicht gesellschaftsunkritisch zu sein".

Bei der "Sonntagsfrage" ( Was wärden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Wahlen wären? ) der Umfrage erhielt die PDS einen Stimmenanteil von 23,9 %, rechtsextreme Parteien erhielten 25,8 % der Stimmen. ( CDU 5 %, SPD 20 %, Bändnis 90/ Gräne17 % ) Zu beachten ist allerdings, dass nur 209 Nennungen waren, bei 406 Fragebögen, was eine Wahlbeteiligung von knapp unter 50 % ergeben wärde.

Einstellungen zu szene-internen Fraktionen:

 
                         eher positiv      eher negativ

SHARP                    45,6 %             36,4 %
Redskins                 14,9 %             60,5 %
Naziskins                18,2 %             69,1 %
Homosexuelle              9,3 %             49,3 %
Ausländer                13,1 %             32,9 %
Antifa/ Autonome          9,2 %             78,9 %

Deutlich werden hier die Polaritäten innerhalb der Szene. Überraschend die eher hohe Zustimmung zu den SHARP-Skins, während Redskins gleichzeitig eher abgelehnt werden. Dass fast 70 % Naziskins eher negativ bewerten, kann als Hinweis darauf angesehen werden, dass Extremgruppen mehrheitlich auf Ablehnung stoßen.

Gewalt:

Skinheads gleich gewalttätig und brutal. Das ist die meist vorherrschende allgemeine Meinung, wenn nach Gewalt in der Szene gefragt wird.

In der Umfrage sind:

  • 68,7 % der Meinung, dass es Situationen gibt, in denen einem nichts anderes äbrig bleibt, als zu Gewalt zu greifen,
  • 2,7 % stimmen dem nicht zu
  • 30,4 % sind der Meinung, dass man durch Gewalt mehr Beachtung erhält ( 35 % Männer, 29,6 % Frauen )
  • 17,3 % meinen, dass Gewalt ein Mittel sein kann, im Leben zurechtzukommen ( stimmt teilweise meinen 40,2 % )
  • 46 % finden, dass Gewalt unter Jugendlichen normal sei ( 29,4 % Frauen )

Gewalt scheint fär viele dazuzugehören, man scheint Erfahrungen gemacht zu haben und kennt entsprechende Situationen. In diese Richtung deutet auch, dass fast

  • 68 % sich in den letzten zwei Jahren mindestens zweimal geprägelt haben, ( darunter 37, 2 % Frauen )
  • 23,5 % öfter als fänfmal.

Im Hinblick auf die Altersstufen ergeben sich dabei kaum Unterschiede.

Gefragt nach den "Prägelpartnern" ergibt sich folgendes Bild:
  • 51,3 % normale Jugendliche
  • 35,9 % Linke und Autonome
  • 32,2 % Rechte
  • 34,6 % Ausländer
  • 12,8 % andere Skinheads
  • 2,1 % Polizei

Scheinbar finden die Auseinandersetzungen eher im szeneeigenen Bereich statt, allerdings ist die hohe Zahl der normalen Jugendlichen und Ausländer nicht zu unterschätzen.

Anlässe fär Prägeleien und Gewalt ergibt sich laut Umfrage aus folgenden Anlässen:

  • 47,5 % Provokation
  • 27,7 % Alkohol
  • 18,6 % eigenes Aussehen, Vorurteile anderer
  • 17,7 % Angriff auf die Clique
  • 12,1 % Meinungsverschiedenheiten
  • 6,2 % Hass auf andere / Andersaussehende ( 2,4 % sind Ausländer )

Als Fazit zu dem Thema Gewalt könnte man sagen, dass einige wenige durch Übergriffe auf Ausländer zu dem negativen Image beigetragen haben, dass in der Öffentlichkeit herrscht. Allerdings lässt sich nicht verleugnen, dass in der Szene insgesamt ein hohes Gewaltpotential steckt.

Fazit der Studie

Jugendliche und Jungerwachsene innerhalb der Skinheadszene entsprechen bei weitem nicht dem vorherrschenden Bild einer marginalisierten Gruppe. Es handelt sich insgesamt bei Skinheads um eine sehr ambivalente, flexible und differenzierte, aber auch erheblich "normalere" Jugendkultur, als ihr Ruf vermuten lässt. Skinheads entstammen weder einer Armutspopulation, noch leiden sie an herausragenden Bildungsdefiziten. Feste, in sich geschlossene Gruppen scheinen eher selten zu sein, reine Skinheadcliquen gibt es vergleichsweise wenige. Stilmerkmale mischen sich. Offensichtlich ist eine starke Orientierung auf Freizeit, Nachtleben und Veranstaltungen. Der Skinheadstil hält fär verschiedene Generationen jeweils spezifisches bereit. An ihm lässt sich unterschiedlich partizipieren. Womöglich was und ist er fär Jängere eher eine Protest-, aber auch Stilfrage mit starker Freizeitorientierung, fär Ältere dagegen eher eine Form der Lebenseinstellung. Deutlich sind die Polarisationen zwischen "links" und "rechts". Der größte Teil der Skinheadszene verweigert sich aber bewusst einer politischen Instrumentalisierung, votiert, bezogen auf Wahlen, - und das därfte äberraschend sein und noch einmal die Bandbreite innerhalb der Szene verdeutlichen- fär Parteien im linken Spektrum. Sehr viele enthalten sich hier, ein Viertel formuliert deutliche Sympathien fär das rechtsextreme Feld. Die Verunsicherungen in bezug auf die Zukunft sind vergleichsweise groß, Ausbildung und Beruf sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Möglich ist, dass Dequalifizierungs- und Marginalisierungserfahrungen gewissermaßen schon vorweggenommen werden – und vielleicht kommt hier auch der Skinheadkultur die Rolle eines „Puffers“ zu. Das Thema Gewalt ist ohne Zweifel in der Szene virulent. Es liegt vergleichsweise viel "Prägel"-Erfahrung vor, hauptsächlich aber wohl mit rivalisierenden Szenen im Umfeld. Man weiß um seine öffentliche Wirkung, und Provokationen geht man vermutlich nicht aus dem Weg. Allerdings ist Gewaltbereitschaft kaum das bestimmende Moment, Mitglied der Szene zu sein - ebensowenig wie politische Beweggrände. Die große Wertschätzung von Konzertbesuchen, Musik, von Freunden und Partys verweist auf das hohe Interesse an Freizeitzusammenhängen, Gelegenheitsstrukturen, Gruppenaktivitäten und Inszenierungen mit einer Vielzahl hedonistischer Elemente - und das mit einer gehörigen Portion Alkohol. Skinheads sind keineswegs die trotzig und in sich geschlossene homogene Jugendszene. Ein Skinhead sein, vielleicht bedeutet das bei aller Ambivalenz auch eine Art "jugendkulturelle" Selbsthilfe, die fär schwierige Lebenssituationen wappnet oder Krisenerfahrung quasi vorwegnimmt.